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Israel/Palästina «Hoffnungslosigkeit
ist nur eine Phase» Den Preis für
Menschlichkeit nahm gestern in Yverdon Evi
Guggenheim* für das Friedensdorf Neve
Shalom/Wahat al-Salam entgegen. In Israel
ist das binationale Dorf der Regierung ein
Dorn im Auge. Die Lage in Israel und Palästina spitzt sich Tag für Tag zu. Sie wurden für zwei Jahre von Ihrem Dorf (Kasten) «beurlaubt», um Gelder zu sammeln und für die Friedensarbeit zu werben. Wie fühlt es sich an, jetzt im sicheren Zürich zu leben? Evi Guggenheim Shbeta: Es ist sehr schwierig. Hier fühlt man sich so hilflos, hört über die Nachrichten nur, wenn wieder ein Anschlag verübt wurde. Ich weiss aber, dass in Israel und Palästina auch der Alltag weitergehen muss, und unser Dorf ist gerade in dieser Zeit sehr aktiv in der humanitären Hilfe. Wir haben Gelder gesammelt, und weil wir direkt an der grünen Grenze, aber noch innerhalb des israelischen Kernlandes wohnen, geht jedes Wochenende ein medizinisches Team in eines der abgeschnittenen benachbarten Palästinenserdörfer zum Beispiel in Cisjordanien, um zu helfen. Ist das denn möglich? Guggenheim: Einfach ist es nicht. Einmal wurden wir von israelischen Panzern beschossen, weil unser Team die israelischen Absperrungen umgehen wollte. Daraus haben wir gelernt. Jetzt arbeiten wir mit israelischen Linkskräften und arabischen Knessetmitgliedern zusammen. Sie sagten, hier in der Schweiz bekommt man nur etwas mit, wenn wieder ein Anschlag verübt wird. Israel kritisiert die internationale Presse. Sie zeige ein einseitiges Bild der Lage. Ist dem tatsächlich so? Guggenheim: Das kann ich schwer beurteilen, denn ich ziehe die meisten Informationen aus persönlichen Quellen. Das Problem scheint mir weniger eine verzerrte Berichterstattung zu sein als die Tatsache, dass es in einem Konflikt immer einen Wettbewerb gibt. Wer ist der Täter, wer das Opfer. In der Presse möchte man natürlich lieber als Opfer dastehen. Im Moment ist Israel aber klar die stärkere Seite. Das subjektive Gefühl der Israelis ist jedoch ein anderes. Sie empfinden sich als Opfer, weil sie unter ständiger Bedrohung leben. Deshalb fühlen sie sich von der internationalen Presse ungerecht behandelt. Was sie vergessen ist, dass sie auch Besetzer sind und damit Täter. Liegt darin nicht ein Teil der Grundproblematik: dass die israelische Seite hauptsächlich erklärt, weshalb sie handelt und nicht erkennt, dass auch sie Unrecht tut? Guggenheim: Genau, aber es gibt in den Köpfen der Durchschnittsisraelis eine Veränderung. Fragt man sie, wie das Problem langfristig gelöst werden soll, werden sie antworten: mit einem Palästinenserstaat. Vor zwanzig Jahren hätte das eine kleine Minderheit gesagt. Fragt man sie aber, was akut zu tun ist, werden sie antworten zurückzuschlagen. Das ist momentan die Diskrepanz. Daher denke ich, wir sind in einem Prozess, der aus Phasen besteht. Heute sieht alles hoffnungslos aus. Aber das ist eine Phase, in der die Extremisten auf beiden Seiten das Wort haben. Und was kommt nach dieser Phase? Guggenheim: Möglicherweise die Abwahl Sharons, weil das Volk langsam erkennt, dass er nicht bringt, was er versprochen hat: Frieden und Sicherheit. Ich bin davon überzeugt, dass dann wieder ein Dialog möglich sein wird, der auf mehr gegenseitigem Respekt basiert. Wie wirkt sich die unerbittliche Konfrontation auf Ihr binationales Dorf aus? Guggenheim: Wir haben schon ganz andere Krisen, den Libanonkrieg, den Golfkrieg und den Tod eines unserer Söhne überstanden, weil wir im Dorf niemals aufgehört haben, miteinander zu reden und uns zu respektieren, egal als wie verschieden wir uns empfanden. Konflikte zwischen den gleichberechtigten Seiten werden bei uns nicht unter den Teppich gekehrt, sondern auf den Tisch gebracht. Mit allen Aggressionen, die aus den unterschiedlichen Identifikationen entstehen. Warum hat niemand das Dorf verlassen? Guggenheim: Wir haben in dieser zweiten Intifada weniger Konflikte als in anderen Krisen, weil wir vereint sind in der Meinung, dass dieser Konflikt mit Gewalt nicht zu lösen ist. Keiner von uns hat Sharon gewählt. Keiner ist für Gewaltanwendung, egal von welcher Seite. Unser Grundprinzip lautet: zusammenleben als Gleichgestellte. Wir arbeiten aber zurzeit an der Friedensschule vermehrt uninational. Gehen mehr an die verschiedenen Schulen, als dass Schüler zu uns kommen. Dass wir aber trotz allem als friedvolles Dorf bestehen, ist ein Hoffnungsschimmer für Israelis und Palästinenser. Macht es tatsächlich Sinn, in einer solchen Oase zu leben, in der man kooperatives Verhalten lernt, mit der man in der Realität draussen nur verlieren kann? Guggenheim: Das stimmt so nicht. Wir schulen Friedenspädagogen, die ausserhalb des Dorfes Einfluss haben. Schliesslich gilt unsere Friedensschule als die Avantgarde des Konfliktmanagements. Wir haben unsere binationale Primarschule, in der Zehntausende von Kindern unterrichtet wurden. Das ist unsere Ausstrahlung. Und dass gemeinsames Leben in Respekt möglich ist, demonstrieren wir täglich. Darüber kann man nicht diskutieren, das ist ein Faktum. Ich denke, wir haben viel dazu beigetragen, dass die meisten Israelis heute einen Palästinenserstaat befürworten. Wenn Sie so viele Personen ausbilden: Warum gibt es nicht mehr solche Dörfer? Guggenheim: Das ist ein pragmatisches Problem. Es ist heute kaum mehr möglich, in Israel ein Dorf zu gründen, in dem auch arabische Menschen leben. Ist Ihr Dorf von den israelischen Behörden anerkannt, oder stehen Sie unter Druck? Guggenheim: Wir sind anerkannt, aber bis es so weit war, mussten wir eine Odyssee durchlaufen. Unsere Existenz ist jedoch immer bedroht. Wir erhalten kaum Unterstützung, obwohl 90 Prozent der Schulkinder aus den umliegenden Ortschaften zu uns kommen. Für den Aufbau einer Mittelschule wurde uns von der Vorgängerregierung Sharons ein Schulhaus versprochen. Das wurde längst rückgängig gemacht. Ohne die finanzielle Hilfe aus dem Ausland würde es uns nicht geben. Auch dass wir international bekannt sind, schützt uns. Frustriert es Sie nicht, seit neunzehn Jahren im Kleinen zu arbeiten und stets das Gefühl zu haben, ausserhalb des Dorfes bei null anzufangen? Guggenheim: Ich fange nicht bei null an und bin auch nicht frustriert, weil ich die kleinen Schritte sehe. Dass sich momentan wenig diskutieren lässt, verstehe ich. Auch ich habe Angst davor, dass neben mir eine Bombe hochgeht. Was zurzeit passiert ist, dass man abstumpft. Das ist gefährlich, auf beiden Seiten. Das bringt das Extremste hervor. Aktuell kommen die illegalen israelischen Siedlungen in die Kritik. Berechtigt? Guggenheim: Seit es die ersten Siedlungen gibt, gehe ich dagegen auf die Strasse, weil es ein Riesenproblem ist. Aber auch da haben wir bereits einen Prozess durchgemacht. In einer aktuellen Umfrage sprachen sich 54 Prozent der Israelis für eine Räumung der Siedlungen aus. Die meisten Siedler gehen nicht aus politischen Gründen dorthin, sondern aus pragmatischen, weil es billig ist. Von sich reden machen aber vor allem die wenigen Extremisten. Diese Kritik übe ich wirklich an den Medien.
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