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13.10.01

Neve Shalom - Wahat al Salam
Nachlese zur Veranstaltung am 8.10.2001

Neve Shalom / Wahat al Salam: Erfahrungen des jüdisch-arabischen Friedensdorfes in Israel

Die Veranstalter konnten zufrieden sein. Deutsch-Israelische Gesellschaft, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Franz-Oppenheimer-Gesellschaft und das Katholische Bildungswerk, alle in Frankfurt, hatten gemeinsam eingeladen und konnten etwa 100 Besucher im Großen Saal des Hauses der Volksarbeit begrüßen.

Jeder fünfte israelische Staatsbürger ist heute ein Araber. Insgesamt gibt es mehr als eine Million in Städten wie Haifa, Akko und vielen Dörfern. Juden und Araber leben miteinander in einem Staat, eigentlich allerdings mehr nebeneinander. Zum Beispiel gehen die Juden in jüdische Schulen, die Araber fast immer in arabische. In Neve Shalom/Wahat al Salam ist das ganz anders.

Die Idee des etwas anderen Dorfes – kein Kibbutz, auch kein Moshav – hatte der Dominikaner Bruno Hussar. Als Jude in Kairo aufgewachsen, vertraut mit der arabischer Kultur und dem Islam, als Erwachsener in Frankreich Christ und Priester geworden, vereinte er drei Identitäten. Trotz aller Konflikte sollten Juden, Christen und Moslems versuchen, in guter Nachbarschaft friedlich zusammenzuleben. Wie in Neve Shalom, der „Oase des Friedens“.

Auf einem kargen Stück Land zentral auf halber Strecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem, das die Mönche des Trappisten-Klosters Latroun zur Verfügung stellten, entstanden vor 25 Jahren die ersten Häuser und Gemeinschaftseinrichtungen. Alles aus eigener Kraft und privaten Quellen, ohne staatliche Hilfe. Heute leben hier 40 Familien, je zur Hälfte Juden und Palästinenser.

Wie funktioniert das? Um über das Leben im Dorf und seine Stellung in der israelischen Gesellschaft zu informieren, waren der Bürgermeister Anwar Daoud zusammen mit Evi Guggenheim-Shbeta, die zu den ersten Dorfbewohnern gehörte und Hermann Sieben, dem Vorsitzenden des Vereins der Freunde des Dorfes in Deutschland, nach Frankfurt gekommen. Die Ideologie, wenn man so will, der Gemeinschaftssiedlung ruht auf den Pfeilern Gleichberechtigung, Respekt vor unterschiedlichen Traditionen und Überzeugungen sowie pädagogischen Grundsätzen und Konzepten mit dem Ziel, ein besseres Miteinander in Dorf und Land zu gewährleisten. Mit vielen Beispielen aus dem Alltag erwiesen sich der Bürgermeister, vorher viele Jahre Lehrer und ein Typ, bei dem man gern noch einmal in die Schule gehen würde, und seine Mitstreiter als sehr sympathische Botschafter.

Führungspositionen in der Gemeinschaftssiedlung werden abwechselnd von Juden und Arabern eingenommen. So war der Vorgänger des Bürgermeisters ein Jude. Hebräisch und Arabisch sind gleichberechtigte Sprachen; tatsächlich wird im Dorf aber viel öfter hebräisch gesprochen. Die Araber beherrschen einfach die Sprache ihrer jüdischen Nachbarn besser. Großer Wert wird auf den vollständigen hebräisch-arabischen Namen des Dorfes gelegt: Neve Shalom/Wahat al Salam, womit man sprachlich schon seine Schwierigkeiten haben kann.

Das Miteinander klappt besser – so das Credo - , wenn man es schon von Kindheit an auf gleichberechtigter Basis übt. Den Rahmen dafür schaffen im Dorf Kindergarten und sechsklassige Grundschule. Immer gibt es je Gruppe oder Klasse eine arabische und eine jüdische Bezugsperson für Spiel und Unterricht. Die Kinder wachsen so von Anfang an zweisprachig auf.

Die private, aber staatlich anerkannte Grundschule hat heute nach kleinsten Anfängen etwa 300 Schüler. Die Lehrkräfte sind teils aus dem Dorf, teils von außerhalb. Weniger als 10% der Schüler leben im Dorf, die anderen kommen mit Bussen bis zu 50 km aus dem Umland. Unterrichtet wird nach eigenen Lehrplänen, die den Schülern ein anspruchsvolleres Wissen vermitteln sollen, als dies sonst üblich ist. Das geht nur mit kleineren Klassen und mehr Lehrern als in anderen Grundschulen im Lande.

Offenbar wird tatsächlich auch mehr gelernt, denn der Bürgermeister und ehemalige Lehrer berichtet nicht ohne Stolz, dass es in den weiterführenden Schulen keinerlei Probleme für seine Schüler gibt. Kein Wunder, dass die Schule des Friedensdorfes für viele Eltern attraktiv ist. Allerdings wird man seine Sprösslinge nur dahin schicken, wenn man den Ideen von Neve Shalom/Wahat al Salam nahe steht und das nicht niedrige Schulgeld aufbringen kann. Bildung hat nämlich ihren Preis, auch in Israel. Die staatliche Basisförderung deckt nur etwa ein Viertel der Kosten; besondere Zuschüsse werden für das bis vor kurzem in Israel einzigartige Schulmodell nicht gewährt. Ohne kräftige Mithilfe der Eltern und reichliche Spenden geht es also nicht.

Ganz wichtig: Das Dorf hat auch eine sogenannte „Friedensschule“. Während die Kleinen gleich ohne Vorurteile, dafür aber mit Kenntnissen von Kultur und Traditionen der Vettern aufwachsen, geht es bei den Älteren darum, bestehendes Konfliktpotenzial bewusst zu machen und so wenigstens zu entschärfen. Zusammen mit Universitäten und anderen Einrichtungen wurden spezielle pädagogische Programme erarbeitet, die als Workshops und Seminare angeboten werden. Zur Zielgruppe gehören Schüler und Studenten, Lehrer und andere im Bildungswesen tätige Multiplikatoren, Angehörige bestimmter Berufsgruppen wie z.B. Anwälte oder Angestellte in Kommunen, aber ebenfalls Gruppen aus dem Ausland. Während des Friedensprozesses bestanden auch intensive Kontakte zu Palästinensern aus den besetzten Gebieten, die auf Grund bestehender Beschränkungen heute kaum noch gepflegt werden können. Für die Friedensschule gibt es die erforderlichen Räumlichkeiten, zu denen auch ein Gästehaus gehört. Mit seinen vielfältigen Aktivitäten zählt sich das Dorf zur Avantgarde der israelischen Friedensbewegung.

In der den Informationsabend abschließenden angeregten Diskussionsrunde wurde aber auch klargestellt, dass sich das Dorf keineswegs im Besitz von Antworten für alle Probleme sieht, die das Zusammenleben von Juden und Palästinensern auf engem Raum heute so belasten. Es handele sich vielmehr um ein besonderes Projekt, auch ein Experiment, betont der Bürgermeister, nicht aber um ein umfassendes Modell. Jedenfalls scheint das Gemeinschaftsleben im Dorf auch unter den heutigen schwierigen Bedingungen zu funktionieren, wenn auch begreiflicherweise nicht ohne Belastungen. Neve Shalom / Wahat al Salam ist aber offenbar mehr als eine Oase des Friedens. „Quelle des Friedens“, was man als Übersetzung des Namens auch lesen kann, beschreibt den eigenen Anspruch vielleicht treffender.

Ohne die finanziellen Hilfen von Freundschaftsvereinen in vielen Ländern und die Unterstützung durch namhafte Persönlichkeiten könnte das Friedensdorf die selbstgesteckten Ziele nicht verfolgen. Das wird aus dem eindringlichen Appell von Hermann Sieben, dem Vorsitzenden des deutschen „Vereins der Freunde von Neve Shalom/Wahat al Salam“ zum Schluss noch einmal sehr deutlich. Jedenfalls dürfte sich die große Mehrheit der Besucher der gelungenen Veranstaltung in der Überzeugung auf den Heimweg gemacht haben, dass es sich um eine gute Sache handelt, die Unterstützung verdient.

 

Weitere Informationen: 

Verein der Freunde von Neve Shalom / Wahat al Salam
- Geschäftstelle-
Sonnenrain 30
53757 St. Augustin

Tel: 02241-331153  Fax:02241-396549

Email: friedensoase@gmx.de

Oder informieren Sie sich direkt auf der Website des Dorfes.