Fenster schliessen

Dienstag, 02. Oktober 2001
 


Front

IM DORF NEVE SHALOM LEBEN JUDEN UND ARABER BEWUSST ZUSAMMEN

Die «Oase des Friedens» als Gegenmodell

Auf einem kleinen Hügel neben dem Trappistenkloster Latrun, auf halber Strecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem, üben sich seit gut 30 Jahren 40 Familien im Zusammenleben von Juden, Christen und Moslems.

SUSANNE KNAUL

NEVE SHALOM. Die «Oase des Friedens», so der Name des Dorfs, das vor gut drei Jahrzehnten gegründet wurde, liegt idyllisch von Weingärten und Feldern umgeben, nicht weit von der alten israelisch-jordanischen Grenze. Bis zum Sechs-Tage-Krieg 1967 galt die Gegend als «Niemandsland» zwischen den beiden Staaten. Als der vom Judentum zum Katholizismus konvertierte Priester und Mönch Bruno Hussar, Gründer von «Neve Shalom» (hebräisch) oder «Wahat as-Salam» (arabisch), nach einem geeigneten Grundstück für sein Projekt suchte, stellte ihm das Trappistenkloster Land für eine symbolische Pacht von fünf Rappen pro Jahr zur Verfügung. Zwei Jahre später zogen die ersten Familien auf den damals noch kargen Hügel.

Unterschiede nicht verwischen
«Ich bin vor dem Fanatismus geflohen», erklärt Daoud Boulos, arabischer Israeli und zuständig für die Entwicklung des Dorfes. Er entschloss sich 1989, in die «Oase des Friedens» zu ziehen, um dort mit Juden zusammenzuleben und «eine bessere Zukunft aufzubauen». Seine Tochter Natalie war damals gerade ein Jahr alt. Auf sie setzt Boulos seine ganze Hoffnung: «Wir Älteren tragen ein schweres Paket mit uns herum», aber die Kinder wachsen gemeinsam als Gleichberechtigte auf: «Die Juden hier sind sehr jüdisch und die Araber sehr arabisch.» Auf keinen Fall sollen Unterschiede verwischt werden, ein zentrales Motto ist: «In Verschiedenheit zusammenleben.»
Wie das in Zeiten militärischer Auseinandersetzungen klappt? «In Jerusalem werden wir Araber nach jedem Attentat angeguckt, als seien wir persönlich dafür verantwortlich. Draussen ist der Hass gross. Hier gibt es ihn nicht.» Boulos gibt zu, dass es natürlich auch in der «Oase des Friedens» zu Konflikten kommt. Grund dafür sei aber niemals die politische Situation, sondern «ganz normale Alltagsprobleme», die sich auch aus dem engen Miteinander ergeben. «Wir leben zusammen, und viele von uns arbeiten zusammen und sehen sich jeden Tag von morgens bis abends.»

Klare Vorstellungen
Ein Mikrokosmos will diese Oase des Friedens sein, doch das schafft das Dorf nur bedingt, wenn es um die Konflikte in der Region und die Frage nach der eigenen Identität im Umgang mit den anderen geht. Die Menschen, die hier leben, sind sicher wenig repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Auch wenn man nicht ständig darüber redet, so empfinden sich die meisten Leute aus dem Dorf doch als gute, wenn nicht als die besseren Menschen, was sie vielleicht auch sind. Politisch linksliberal eingestellt, eher weltlich und überdurchschnittlich gebildet. «Niemand kommt ohne Grund hierher», sagt die deutsche Pastorin Barbara Meier vom Verein der Freunde von Neve Schalom/Wahat as-Salam, die das Dorf seit 14 Jahren begleitet. «Hier gibt es keine Mitläufer. Alle haben klare Vorstellungen.» Tatsächlich bestehen in den entscheidenden politischen Fragen kaum Differenzen. Alle verfolgen das Lösungsmodell der zwei Staaten für zwei Völker, den kompletten Abzug der israelischen Armee aus dem Westjordanland und dem Gaza-Streifen sowie die Auflösung aller jüdischen Siedlungen und die Aufgabe Ostjerusalems.

Gewalt polarisiert hier nicht
Als während der Intifada-Solidaritätskundgebungen vor einem Jahr in einigen arabischen Orten 13 israelisch-arabische Demonstranten erschossen wurden, organisierten die Leute von Neve Shalom mehrere Busse, in denen alle gemeinsam zu den Familien der Toten fuhren. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hatten Polizisten auf israelische Staatsbürger geschossen, nachdem die Kundgebungen zunehmend militant geworden waren. Die Vorfälle haben die Fronten zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung in Israel verschärft. Im Friedensdorf war man sich einig wie stets. Für Aussenstehende mag es nicht zuletzt mit Blick auf vereinzelte Freudendemonstrationen auf palästinensischer Seite überraschend kommen, aber auch die Reaktionen auf die Terroranschläge in den USA waren unter den Juden, Christen und Moslems im Dorf kaum unterschiedlich. «Wir sind alle tief erschrocken», sagt Ruth Schuster und fügt mit wenig Verständnis für die Nachfrage hinzu: «Worüber hätten wir uns denn streiten sollen?»

Friedensschule
Die jüdische Israelin arbeitet im Gästehaus, das mit deutschen Geldern finanziert worden ist, um den Jugendaustausch zu fördern, und das nun gemeinsam von den Leuten im Dorf unterhalten wird. Das Schwimmbad gehört dazu und die Friedensschule, einer der Eckpfeiler des Friedensdorfes, für die letztendlich das Gästehaus überhaupt erst eingerichtet wurde. Abgesehen von diesen drei Einrichtungen, den Kindertagesstätten und einer Schule wirtschaftet jeder für sich allein, und jeder baut auch sein Haus allein, was zu einer bunten Mischung von arabischer und jüdischer Architektur führt. Manche sind ärmer, andere reicher. Alle müssen sich jedoch auf wenig Raum beschränken. Die meisten arbeiten in den Städten oder sind in der Verwaltung und den Erziehungseinrichtungen tätig.
Die Friedensschule ist das Aushängeschild des Dorfes. Nicht selten treffen jüdische Israelis im Rahmen der regelmässig stattfindenden Seminare für Jugendliche und Erwachsene zum ersten Mal mit einem arabischen Israeli zusammen. Meist sind es Berufsgruppen, die für drei bis vier Tage zusammen die Bank der Friedensschule drücken, um sich dort der Probleme, die sie miteinander haben, bewusster zu werden und Missverständnisse aufzuklären. Dabei geht es immer um die friedliche und vor allem gerechtere Koexistenz innerhalb Israels. «Wir wollen das Kräfteverhältnis verändern», sagt Barbara Meier. «Es ist ein ständiges Bemühen um mehr Gleichberechtigung.» Dabei sei die «Oase des Friedens» kein Labor, sondern «ein realer Ort mit Modellcharakter».

«Korrigierende Apartheid»
Im Friedensdorf ist die «korrigierende Apartheid» Praxis, sprich: Alle Führungsposten werden von Arabern besetzt. Zur Wahl des Bürgermeisters hatte sich von vornherein keiner der Juden im Dorf gestellt. Anwar Daoud ist heute Chef in Neve Shalom. Seiner Wahl ging die wohl heftigste Krise voraus, die das Dorf je hatte und die diesmal doch politische Hintergründe hatte. Wieder überraschend ist jedoch, dass die Fronten nicht jüdisch-arabisch waren, sondern quer durch die Bevölkerung gingen. Hintergrund des Konflikts war der Tod eines Jungen.
«Zum Gedenken an Tom Kitain, ein Kind des Friedens», steht in hebräischen Buchstaben auf dem Plastikschild am Eingang zum Basketballfeld. Tom war vor fünf Jahren ums Leben gekommen, als zwei israelische Militärhelikopter bei einem nächtlichen Einsatz auf dem Weg in den Südlibanon über Neve Shalom zusammenprallten. Schon seine Einberufung zum Militärdienst hatte Anlass zu Auseinandersetzungen im Friedensdorf gegeben. Als Toms Eltern nach dem Unglück einen Gedenkstein für ihren getöteten Sohn forderten, kam es zum offenen Disput unter den Arabern im Dorf: Die einen lehnten ein solches Denkmal strikt ab, die anderen zeigten Verständnis für die Eltern des Jungen. Sie mussten sich anhören, zu angepasst zu sein und Positionen zu vertreten, die nicht ihre eigenen seien; ihre Motive seien pures Eigeninteresse und die Hoffnung, ihre Chancen bei der Vergabe von Führungspositionen zu steigern. Auch unter den Juden kam es zu Konflikten, und die, die ein Denkmal mit militärischem Charakter nicht grundsätzlich ablehnten, galten fortan als «Nationalisten».

«Es gibt eine Grenze»
«Tom ist hier aufgewachsen. Wir haben um ihn geweint», sagt Daoud Boulos. Trotzdem sei die Forderung, ein Denkmal für ihn aufzustellen, ein Fehler gewesen. Boulos ist der Versammlung, in deren Verlauf es zur Abstimmung darüber kam, fern geblieben. «Toms Tod hat Themen geöffnet», sagt Ruth Schuster, die selbst einen Sohn hat, der früher oder später eine Entscheidung treffen muss. Er wächst mit Arabern auf und muss im Zweifelsfall eines Tages gegen sie kämpfen. Ruths Mann gehört, wie viele jüdische Männer aus dem Friedensdorf, der Initiative «Es gibt eine Grenze» an, in der sich Soldaten organisieren, die den Dienst in den besetzten Gebieten verweigern. Trotzdem «sind wir natürlich Teil der Gesellschaft, und unsere Kinder sollen sich auch so verhalten». Würde man nicht in Neve Shalom leben, dann stellte sich die Frage der Verweigerung vermutlich gar nicht erst. Gleichzeitig wolle man die israelische Realität «herausfordern», sagt Ruth. «Das Problem ist, dass das politische Establishment in Israel letztlich aus Angst vor den Arabern die Ungleichheit fördert.» Dabei geht es in Israel um eine Minderheit, die immerhin 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht.

Die andere Nachbarschaft
Die «Oase des Friedens» ist nicht der einzige Ort in Israel, in dem jüdisch- arabische Nachbarschaft stattfindet. In Ramle und Lod, zwei alten arabischen Städten etwa zehn Kilometer vom Friedensdorf entfernt, lebt eine gemischte Bevölkerung, ähnlich wie in Haifa und Jaffa, einem Vorort Tel Avivs. Im Unterschied zu Neve Shalom ist diese Nachbarschaft nicht immer gewollt, sondern hat sich in der Regel zufällig ergeben. Das Miteinander in diesen Städten ist begrenzt: Die Kinder gehen auf verschiedene Schulen und lernen in verschiedenen Sprachen. Dazu kommen andere Inhalte nicht nur im Religionsunterricht: Es werden andere Dichter und Autoren gelesen, andere Schwerpunkte im Geschichtsunterricht gelernt.
In Neve Shalom kommen die Kinder der drei Religionen dagegen schon im ersten Lebensjahr zusammen. Ihre Betreuer sprechen beide Sprachen, was auch für Eltern, die nicht in Neve Shalom leben, die Erziehung dort attraktiv macht. Fast 250 Kinder werden täglich aus der Umgebung in die Tagesstätten und die Schule gebracht. Ordentlich jeweils zwei Kinder Hand in Hand, läuft eine fröhlich plappernde Gruppe Sieben- oder Achtjähriger von der Schule zum Schwimmbad, das die Leute von Neve Shalom vor drei Jahren bauen liessen. Es ist halb elf Uhr morgens, und die Sonne brennt heiss auf den Hügel. Die Kinder können es kaum erwarten, endlich ins Wasser zu kommen.

Ernüchterung in der Aussenwelt
Vor einem Jahr musste sich Daouds Tochter, die inzwischen zwölfjährige Natalie, entscheiden, in welche fortführende Schule ausserhalb von Neve Shalom sie gehen will. Die junge Araberin hatte Leseschwierigkeiten und beschloss, die besseren Möglichkeiten zur Behandlung ihrer Probleme in einer hebräischen Schule wahrzunehmen. «Ganz zu Anfang hatte ich noch ein paar Freunde dort, aber die wandten sich einer nach dem anderen von mir ab», erzählt sie über das «schwierigste Jahr» in ihrem Leben. Ihre Mitschüler hänselten sie, nannten sie eine «stinkende Araberin» und schlimmer. «Ich war überrascht», sagt sie, «ich hatte damit gerechnet, dass sie mich als eine von ihnen aufnehmen.» Mit Natalie zusammen kamen zwei weitere Kinder aus Neve Shalom in die hebräische Schule, die jüdische Neria und der arabisch-christliche Carlos. Neria habe sie «manchmal in Schutz genommen», doch Carlos habe versucht, sich den anderen anzupassen und seine Identität vertuscht. Mit dem Ende des Schuljahrs wechselte das junge Mädchen in die arabische orthodoxe Schule in Ramle. Natalie glaubt, dass es umgekehrt für eine Jüdin an einer arabischen Schule auch nicht leicht gewesen wäre. Trotzdem sind «Araber Juden gewohnt. An der jüdischen Schule war ich die erste Araberin, die die anderen Kinder überhaupt zu Gesicht bekamen.» Auf die Modellwirkung des Friedensdorfes gibt Natalie nichts: «Ich glaube nicht, dass wir irgendeinen Einfluss darauf haben, was draussen passiert.»
Natalies Vater ist hingegen ungebrochen optimistisch. «Am Ende des Weges wird es überall so sein wie hier, selbst wenn bis dahin noch mehr Blut fliessen muss.» Die «Oase des Friedens» besteht schon mehr als 30 Jahre. Heute stehen nicht weniger als 300 Familien auf der Warteliste für Neuaufnahmen. Sobald neues Land von staatlicher Seite aus für Neubauten zugelassen wird, sollen mindestens 60 weitere Familien aufgenommen werden. Boulos rechnet mit zwei bis drei Jahren. «Es hat Höhen und Tiefen gegeben. Wir werden trotzdem immer stärker und grösser.»