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| Erschienen am:
08.03.2002 |
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| Neve Shalom - Oase des
Friedens in friedloser Zeit |
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| Ein jüdisch-arabisches Friedensdorf
trotzt der zwischen Israel und den Palästinensern ausufernden
Gewalt. In Neve Shalom/Wahat al-Salam, einer von rund 40 Familien
bewohnten «Oase des Friedens» mit zweisprachiger Schule und
Begegnungszentrum, funktioniert das tägliche Zusammenleben weiterhin
- wenn auch unter erschwerten Umständen. |
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Mit gleichen Rechten
und gegenseitigem Respekt. Jüdische und palästinensische
Jugendliche lernen sich an einem Begegnungsseminar in Neve
Shalom/Wahat al-Salam näher kennen. Foto zVg
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| Auf
halbem Weg von Tel Aviv nach Jerusalem, wo die Strasse ansteigt und
rechterhand das Trappistenkloster Latrun liegt, schweift der Blick
von einem Hügel die sanften Abhänge hinunter auf die Küstenebene und
das Mittelmeer. Auf dieser Aussichtsterrasse liegt ein in Israel
einmaliges Dorf. Es wird je zur Hälfte von jüdischen und
palästinensischen Familien bewohnt und trägt daher einen
zweisprachigen Doppelnamen: Neve Shalom auf Hebräisch, Wahat
al-Salam auf Arabisch. Auf Deutsch: «Oase des Friedens». Wie
wirkt sich die zum Krieg ausgewachsene Konfrontation zwischen Israel
und den Palästinensern auf diese Oase aus? Wie gehen die in einer
freiwilligen Gemeinschaft lebenden jüdischen und palästinensischen
Bürger Israels damit um? «Die schmerzhaften Ereignisse deprimieren
uns alle und führen zu heftigen Diskussionen. Aber das Zusammenleben
nimmt seinen Fortgang, niemand hat das Dorf verlassen», antwortet
Evi Guggenheim Shbeta, eine der Pionierinnen von Neve Shalom, die
sich zurzeit in der Schweiz aufhält. Die gelernte Psychotherapeutin,
in Zürich 1955 geboren und aufgewachsen, lebt seit 19 Jahren in dem
vom Dominikanerpater Bruno Hussard ins Leben gerufenen Friedensdorf.
Gleichgestellt, gleichberechtigt
«Was jetzt
auf politischer Ebene abläuft, diese gegenseitige Negierung und
Verweigerung, ist das absolute Gegenteil unserer Ideen und
Prinzipien», sagt Evi Guggenheim: «Unser Ansatz ist das
Zusammenleben als Gleichgestellte, mit gleichen Rechten und
gegenseitigem Respekt. Jeder darf sich selber definieren, und diese
Selbstdefinition wird von den anderen akzeptiert.» Natürlich werde
das Leben in Neve Shalom zurzeit erschwert. «Es ist für uns oft
schmerzvoll, manchmal an der Grenze des Erträglichen, aber der
Dialog zwischen den beiden gleichberechtigten Seiten bricht nie ab.»
Dennoch hat die Krise auch im Friedensdorf ihre Spuren
hinterlassen. Das betrifft besonders Kinderkrippe und Schule. Hier
werden über 300 jüdische und arabische Kinder - 90 Prozent kommen
aus umliegenden Ortschaften - zweisprachig unterrichtet. Als sich
die in Israel lebenden Palästinenser im Oktober 2000, kurz nach
Ausbruch der Intifada, mit ihren Brüdern in den besetzten Gebieten
solidarisierten und für Gleichberechtigung in Staat und Gesellschaft
demonstrierten, habe in Neve Shalom ein «paralleler Prozess»
eingesetzt, erzählt Evi Guggenheim. «Anlass zu heftigen
Diskussionen gab die Tatsache, dass Hebräisch in Schule und Dorf die
vorherrschende Sprache geworden war. Die Angehörigen der
palästinensischen Minderheit in Israel lernen eben viel häufiger die
Sprache der jüdischen Mehrheit als umgekehrt.» Um die Ungleichheit
abzubauen, habe man seither die Zahl der arabischen Lehrerkräfte
erhöht und die jüdische Lehrerschaft zum Besuch von Arabischkursen
verpflichtet. Lokale Spannungen hatten sich vor ein paar Jahren
auch an der israelischen Armee entzündet, die für jüdische Bürger
eine zentrale Institution ist, während die arabische Minderheit vom
Militärdienst ausgenommen ist. Als Tom, ein Sohn des Dorfes, im
Militärdienst unterwegs in den Libanon im Armeehelikopter tödlich
verunglückte, wollten ihn seine Eltern mit einem Gedenkstein ehren.
Vehement setzten sich palästinensische Mitbewohner zur Wehr. Ihr
Tenor: «Was, ein Denkmal für einen Soldaten, der auf dem Weg war,
unsere Verwandten in libanesischen Flüchtlingslagern zu bekämpfen?»
Auf die hitzig geführte Debatte folgte der demokratische Entscheid:
Die meisten Palästinenser blieben der Urne fern, das Denkmal wurde
gebaut und von seinen Gegnern akzeptiert.
Gegensätzliche
Gefühle
«In Frieden leben, heisst eben, sich mit dem
Konflikt auseinander zu setzen und ihn nicht unter den Tisch zu
wischen», kommentiert Evi Guggenheim und nennt ein anderes Beispiel:
Der israelische Unabhängigkeitstag (Yom Haazmaut) ist für die Juden
ein Feiertag; die Palästinenser erinnert der Tag der Gründung
Israels hingegen an ihre «Katastrophe» (al Nakba), ihre Flucht
und Vertreibung. «An einem solchen Tag, an dem die Gefühle der
beiden Nationalitäten so gegensätzlich sind, müssen Bewohner und
Lehrerschaft ein besonderes Mass von Toleranz und
Fingerspitzengefühl aufbringen. Das Zusammenleben in Frieden ist ein
täglicher Lernprozess.» Mit einer «Friedensschule» trägt Neve
Shalom seine Überzeugungen nach aussen. Die Schule bietet jüdischen
und palästinensischen Jugendlichen wie Erwachsenen
Begegnungsseminare an. «Die Teilnehmer lernen, ein Bewusstsein für
die Komplexität des Konfliktes zu entwickeln», erläutert Evi
Guggenheim: Sie müssten sich ihrer eigenen Rolle im Konflikt bewusst
werden, «besonders im Hinblick auf Machtverhältnisse, Stereotypen
und selektive Wahrnehmung». Zehntausende Jugendliche haben bisher
solche Kurse besucht. Zugleich werden Erwachsene zu
Friedenspädagogen ausgebildet. Als Voraussetzung müssen sie eine
Ausbildung in Pädagogik, Sozialarbeit oder Psychologie
mitbringen.
Begegnungen unterbunden
Die
Aktivitäten der Friedensschule werden vom verschärften Konflikt
beeinträchtigt. Seit dem letzten Jahr musste rund die Hälfte der
Begegnungsseminare abgesagt werden. Hauptgrund ist die Abriegelung
der besetzten Gebiete: Die Palästinenser können praktisch nicht mehr
ausreisen, das Friedensdorf ist für sie unerreichbar geworden. Bei
den Behörden stösst Neve Shalom auf zusätzliche Schwierigkeiten.
Obwohl die binationale Primarschule offiziell anerkannt ist,
übernimmt der Staat nur ein Drittel der Schulkosten. Für ein
weiteres Drittel kommen die Eltern auf, der Rest muss über Spenden
finanziert werden. Zudem hat die Regierung Sharon die von ihrer
Vorgängerin gemachte Zusage, in Neve Shalom ein neues Schulhaus zu
bauen, rückgängig gemacht.
Unterstützung
gesucht
Damit Neve Shalom nicht aus finanziellen Gründen
in Not gerät, hat sich Evi Guggenheim, selber ehemalige
Mitarbeiterin der Friedensschule, für zwei Jahre «beurlauben»
lassen. Mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern wohnt sie
vorübergehend in Zürich, um die Friedensarbeit in der Schweiz und
darüber hinaus bekannt zu machen und breitere finanzielle
Unterstützung zu finden. Denn trotz der schlimmen politischen Lage
weiss sie, und die gelebte Realität gibt ihr Recht: «Neve Shalom
bleibt ein funktionierendes Modell für jüdisch-arabisches
Zusammenleben.» Evi Guggenheim Shbeta, Telefon 01 341 37 09;
E-Mail: eviguggenheim@bluewin.ch
http://www.nswas.com
Von Willi Herzig
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