Neve Shalom/Wahat al Salam, wo Frieden gelebt, gelernt und gelehrt wird.......
Von Evi Guggenheim Shbeta*
Eine der jüdisch-palästinensischen Schulklassen in der Friedensprimarschule in Neve Shalom/Wahat al Salam. Tagtäglich kommen dort über 300 palätinensische und jüdische Schüler in die gemeinsame Schule und Kindergarten.
„Das waren sicher die Araber, die unser Feld angezündet haben.....! Die wollen uns ja nur von hier vertreiben......!„ rief Udi vom Dorf Mishmar Ajalon. Udi war heute morgen ( Juni 2001) ganz aufgeregt in die Schule gekommen und erzählte seiner Klasse, dass in der Nacht ein riesiger Brand die ganzen Felder rund um sein Dorf im Tale Ajalon niedergebrannt hatte. Sie mussten sogar ihr Haus evakuieren, da die Gefahr bestand, der Riesenbrand würde auch auf das Dorf übergreifen. Die Dorfbewohner vermuteten Brandstiftung und wie so oft, wurden sofort die Araber daran beschuldigt. Udi brachte die Eindrücke der vergangenen Nacht direkt in seine Klasse. Seine kollektive Anschuldigung an die Araber, die er von seinem Dorf mitbrachte, löste eine heftige Diskussion aus. Ahmed, sein Banknachbar erwiderte entsetzt: „Was, Du willst sagen, dass ich Dich vertreiben will!? Ich finde es ganz schlimm, was Du heute Nacht mitgemacht hast, und wenn ich dort gewesen wäre, hätte ich geholfen, das Feuer zu löschen aber ich will sicher nicht, dass Du von hier vertrieben wirst....! und ich bin auch Araber!“ Wäre Udi, wie fast alle jüdischen Kinder in Israel, in einer anderen Schule mit nur jüdischen Kindern, wäre seine Aussage wohl ohne jede Diskussion hingenommen worden und hätten seine Klassenkameraden vielleicht auch die Gelegenheit dazu benützt, noch andere Ängste und Vorurteile gegenüber Arabern auszudrücken. Die meisten Lehrer/innen, selber von Ängsten und Vorurteilen eingenommen, hätten auch kaum etwas dagegen einzuwenden gewusst.
Aber Udi und Ahmeds Schule ist eine ungewöhnliche Schule. Sie ist die einzige Schule im ganzen Nahen Osten, wo jeden Tag über 300 jüdische und palästinensische Schüler gemeinsam zur Schule gehen. Auch wenn die Kinder von zu Hause her Vorurteile mit in die Schule bringen, werden sie von der anderen Seite, wie im obigen Beispiel, sofort widerlegt
Udi und Ahmed’s Schule ist in Neve Shalom/Wahat al Salam, übersetzt, Oase oder Quelle des Friedens (NS/WS). NS/WS ist ein kooperatives Dorf, auf halbem Weg zwischen Jerusalem und Tel Aviv, in dem Juden und Palästinenser bewusst gewählt haben, zusammen zu leben. Die Dorfbewohner wollen mit ihrem Beispiel aufzeigen, wie ein friedliches Zusammenleben zwischen den zwei im Konflikt lebenden Bevölkerungsgruppen möglich ist. Sie leben nach dem Motto, dass in Frieden leben, heisst, sich täglich mit dem Konflikt auseinander zusetzen und ihn nicht unter den Teppich zu wischen. Ein Beispiel dafür: Der israelische Yom Haazmaut ( Unabhängigkeitstag) ist für die Juden ein Feiertag, für die Palästinenser jedoch ein Tag, der ihre Katastrophe (Al Naqbah) symbolisiert. An solch einem Tag, an dem die Gefühle der beiden Nationalitäten so entgegengesetzt sind, braucht es eine ganz besondere Toleranz und Spannfähigkeit der Dorfbewohner und des Schulteams. Es wird dann immer deutlicher, dass in Frieden zusammen leben, ein täglicher Prozess ist, der gelernt werden muss. Gegenseitige Toleranz, Respekt und Gleichberechtigung sind in einem von Jahrzehnte lang von kriegerischen Auseinandersetzungen geplagten Land etwas, das im täglichen Zusammentreffen und –arbeiten erlernt und geübt werden muss.
Und so entstand es............
NS/WS wurde von Bruno Hussar gegründet. In Ägypten als Jude geboren und aufgewachsen, als Erwachsener zum Christentum übergetreten und Dominikanerpriester geworden, spürte Bruno Hussar in den frühen siebziger Jahren in Jerusalem, dass dort alle seine eigenen Identitäten im Konflikt miteinander lebten. Er wollte ein Dorf gründen, in dem alle Kinder Abrahams in Frieden miteinander leben sollten. Jeder sollte seine eigene Religion praktizieren können und die des anderen kennen und respektieren lernen. In den späten siebziger Jahren zogen die ersten Einwohner auf den halbwegs zwischen Tel Aviv und Jerusalem liegenden Hügel, den das Trapistenkloster Latrun ihm zur Verwirklichung seiner Idee zur Verfügung gestellt hatte. Da der eigentliche Konflikt im Nahen Osten mehrwiegend ein Konflikt zwischen zwei Nationalitäten und nicht ein Konflikt zwischen Religionen ist, wurde auch der Schwerpunkt auf das friedliche Zusammenleben
Das Friedensdorf Neve Shalom/Wahat al Salam, mit seinem Gästehaus und seinem Kongresszentrum, wo über 40 jüdische und palästinensische Familien aus freier Wahl zusammen leben, um im Kleinen aufzuzeigen, wie ein friedliches Zusammenleben möglich ist.
zwischen Juden und Palästinensern verlegt.
![]()
Heute leben in NS/WS über 40 jüdische und palästinensische Familien. Es wird darauf geachtet, dass die Dorfbevölkerung immer aus gleichviel Vertretern der beiden Bevölkerungsgruppen besteht. Auch die verschiedenen Institutionen den Dorfes werden paritätisch geleitet.
Das Dorf hat bei seinem Aufbau viele Schwierigkeiten überwinden müssen. Die kritische und misstrauische Einstellung der israelischen Behörden dem Dorf gegenüber, hat ihm und seinen pädagogischen Institutionen auf seinem Entstehungsweg viele Steine in den Weg gelegt, welche bisher mit Hilfe internationaler Unterstützung überwunden werden konnten. Das Dorf und seine pädagogischen Institutionen bekamen zahlreiche internationale Auszeichnungen unter anderem wurden sie schon fünfmal für den Friedensnobelpreis nominiert.
Die Friedensschule von Neve Shalom/Wahat al SalamSeit 1979 trägt NS/WS seine Idee der friedlichen Koexistenz durch die Friedensschule nach aussen. Nach dem Motto, dass in Frieden leben, gelernt werden muss, hat sie verschiedene Methoden der Friedenspädagogik entwickelt. Im Rahmen der Friedensschule werden verschiedenartige Begegnungsworkshops und – seminare zwischen Juden und Palästinensern abgehalten. Die Teilnehmer, Jugendliche und Erwachsene, lernen das Bewusstsein für die Komplexität des Konfliktes zu entwickeln und befähigen sie, ihrer eigenen Rolle im Konflikt bewusst zu werden, insbesondere im Hinblick auf Machtverhältnisse, Stereotypen und selektive Wahrnehmung. Zehntausende von Jugendlichen und Erwachsenen haben seit ihrer Gründung die Friedensschule besucht.
In der Friedensschule von NS/WS bekommen tausende von jüdischen und palästinensischen Jugendlichen und Erwachsene die Gelegenheit zum friedlichen Dialog..
![]()
Die Friedensschule in NS/WS ist die einzige Institution im ganzen Nahen Osten, welche eine Ausbildung in der Friedenspädagogik anbietet. Sie hat schon über 280 erwachsene Akademiker zu Friedenspädagogen ausgebildet, welche jetzt in verschiedenen Institutionen im Land ihre Friedensarbeit durchführen. Ausserdem führt sie an allen israelischen Universitäten akademisch-praktische Magisterkurse durch. Die Friedensschule gilt weltweit als führend in der Friedenspädagogik und der Konfliktbearbeitung. Als solche wurde sie schon in zahlreiche andere Konfliktgebiete eingeladen, wie zum Beispiel Nordirland, Kosovo oder Makedonien. Zahlreiche akademische Publikationen wurden von der Friedensschule veröffentlicht.
Doumiah- der Ort des tiefen Schweigens und das Plurasistische Spirituelle Zentrum
Ursprünglich wollte Bruno Hussar ein dreiteiliges Gotteshaus errichten, indem jede der drei monotheistischen Religionen einen Drittel als sein Gotteshaus einrichten sollte. Als Bruno sein Projekt an einer der Vollversammlungen von NS/WS zur Bewilligung vorstellte, wendete Ilan, einer der ersten Einwohner vom Dorf ein: „Bruno, ich bin Atheist, gibt es dann auch für meinesgleichen ein Ecke?!“ Bruno nahm Ilan sehr ernst und änderte seine Idee. Er wollte ein runde Kuppel erbauen, wo die gemeinsame Sprache aller Religionen, auch der Atheisten ‚gesprochen’ werden sollte, nämlich ein Ort des tiefen Schweigens.
Im Rahmen der Doumiah finden Meditationswochenende und Studientage zum gemeinsamen Studium der heiligen Schriften statt.
Letztlich ist ein Pluralistischen Spirituelles Zentrum zum Gedenken an Bruno Hussar errichtet worden, welches Aktivitäten spiritueller Dimension fördert und sich auf die religiösen Identitäten der Leute in Israel und Palästina bezieht. In diesem Rahmen werden spirituelle und theologische Aktivitäten für Leute in und ausserhalb von NS/WS organisiert.
„Für Dich ist tiefe Stille Lob Gottes.“(Psalm 65,2).
Die Doumia, der Ort des tiefen Schweigens, der gemeinsamen Sprache aller Religionen
* Evi Guggenheim Shbeta ist jüdische, gebürtige Schweizerin und gehört zu den ersten Einwohnern von NS/WS. Sie ist ehemalige Mitarbeiterin der Friedensschule. Zurzeit befindet sie sich in der Schweiz, um die Friedensarbeit von NS/WS und seinen pädagogischen Institutionen in der Schweiz und in Europa bekannt zu machen und dafür Unterstützung zu suchen.
Wer dabei mithelfen will, kann unter folgender Adresse mit ihr Kontakt aufnehmen: Evi Guggenheim Shbeta; Rütihofstr. 63; 8049 Zürich; Tel./Fax: 01 341 37 09; E-Mail: eviguggenheim@bluewin.ch.
Oder durch die Schweizer Freunde von Neve Shalom/Wahat al Salam; Sekretariat: Küsnachterstr.20;
8123 Zumikon; Email: reinshagen@dplanet.ch;
Bank: Coop Bank, Basel; PC 40-8888-1/Bankkonto: 298385.290100-5 8440 Neve Shalom
Webseite von NS/WS: www.nswas.com.